Warum Nein sagen populär ist

Es ist in aller Munde.

Nein sagen ist der Weg zur Verbesserung der eigenen Lebensqualität. Ein Teil der Ratgeberbranche lebt davon, dass ein Großteil (?) der Menschen nicht in der Lage ist, Nein zu sagen.

Genau genommen können wir alle natürlich nein sagen. Das Wort ist ja nicht sonderlich schwierig auszusprechen.

Es geht vielmehr um die Konsequenzen, die sich aus dem Nein ergeben.

 

1. Mit einem Nein lehne ich irgendwas (und damit irgendjemand) ab.

Deswegen beschäftigen sich Artikel und Bücher mit Nein-Strategien. Wie kann ich Nein sagen, ohne nein zu sagen. :-)

Ein Klassiker ist die "ich verschaffe mir mehr Zeit"-Taktik: Wenn also jemand irgendwas will, sage ich einfach: "Das weiß ich nicht. Und gerne schaue ich nach, ob und wann ich in den nächsten Tagen Zeit in meinem Kalender dafür einplanen kann." - Und dann denke ich darüber nach ob ich will und wann ich könnte und gehe zurück zu meinem Gesprächspartner, um ihm meine Antwort mitzuteilen. Also beispielsweise: "Das mache ich gerne. Im Moment habe ich eine lange ToDo-Liste und eine Menge Termine in meinem Kalender, die ich nicht verschieben möchte. Die nächste Möglichkeit Deine Aufgabe zu erledigen wäre in ungefähr zwei Wochen. Passt das? Oder willst Du dann lieber jemand anders fragen, der sich eher darum kümmern kann?"

So oder so ähnlich sage ich nein, obwohl ich ja gesagt habe. :-)

Dann kann ich mir weiter ziemlich sicher sein, dass der Mensch mich mag. Weil ich ihn (seine Aufgabe) nicht abgelehnt habe. Und dass andere Menschen mich mögen, finde ich doch großartig. Finden wir alle wichtig.

 

2. Mit einem Nein, erarbeite ich mir mehr Zeit für andere Dinge

Es geht um Prioritäten. Darum geht es doch immer irgendwie.

Privat und beruflich gibt es eine Vielzahl zu erledigen. Dinge, die ich mag. Dinge, die ich nicht mag. Dinge, die mich weiterbringen. Dinge, die erledigt werden wollen, weil ich die Konsequenzen aus einer Nicht-Erledigung nicht tragen will. Usw.

Wenn ich klare Prioritäten habe, fällt mir ein Nein leichter, weil ich genau weiß, wofür ich gerade Zeit ausgeben möchte und wofür nicht. Mit einem Nein kann ich meine derzeitige Strategie weiter verfolgen und brauche nicht taktisch zu arbeiten.

 

Die beiden Konsequenzen reichen schon für ein Buch. Oder für zahlreiche Bücher. :-)

Ablehnung ist ein großes (unbewusstes oder gerne unterdrücktes) Thema in unserer Gesellschaft. Ich mag es lieber, wenn ich gemocht werde. Also sage ich stets Ja, weil ich dann fühle, dass der andere mich schätzt.

Gleichzeitig scheinen die Aufgaben vielfältiger zu werden und während ich an der Erledigung der einen Aufgabe arbeite kommen schon drei weitere Erledigungswünsche auf mich zu. Es geht also auch um das konsequente Verfolgen einer Strategie: Die Erledigung dieser Aufgabe.

Die Flut an Reizen, denen wir heute ausgesetzt sind (Radio an? Fernseher an? Nachrichten auf dem Handy - facebook, Whatsapp & co? E-Mails checken, Lieblingsblogs prüfen, Zeitungsnachrichten (die ja inzwischen online fast minütlich aktualisiert werden) lesen, usw.) führt vermutlich dazu, dass es uns schwerer fällt die Konzentration nur auf die Erledigung EINER Aufgabe zu bündeln. Stattdessen arbeiten wir hier ein wenig und dann dort, wieder hier, dann Mails checken, etc.

Was hilft?

Das Nein sagen scheint also ein probates Mittel zu sein, wie wir den Fokus auf unsere Aufgabe beibehalten. Jetzt noch die Emotionen in den Griff bekommen (Er/Sie mag mich trotz meines Neins.. bestimmt.. irgendwie.. oder?!), irgendeine "Blockier den ganzen News-Strom"-App einschalten und dann läuft es wie von selbst.

 

Fazit: Wieso ist das Nein sagen populär?

Weil wir die Vielzahl der Aufgaben konsequent abarbeiten wollen. Oder bekommen wir nur gesagt, dass wir das wollen.. müssen.. sollten? Und da der Mensch im Schnitt sowieso höchst verwirrt ist - dazu in einem anderen Artikel irgendwann mal mehr - glaubt er das auch.

Damit das konsequente Abarbeiten funktioniert, benötigen wir klare Prioritäten auf die Aufgabe, die wir gerade fokussieren und mehr Abstand von unseren Emotionen, um die Gesuche anderer Menschen leicht ablehnen zu können.

 

Höchst spannend finde ich, dass - wie immer - viel mehr dahinter steckt.

Es ließe sich trefflich diskutieren, ob der emotionale Teil schon immer so relevant war wie heute, ob die zu erledigenden Aufgaben schon immer so umfangreich waren und viel zu knappe Fristen verfolgten, ob die Reizüberflutung irgendwas damit zu tun hat, dass wir uns weniger gut fokussieren können... 

 

Vermutlich wären wir dann irgendwann an dem Punkt: Wir benötigen weniger, als man uns glauben machen möchte, unsere Bindung an die Gemeinschaft ist schwächer, als man uns durch "soziale Online-Netzwerke" glauben machen möchte, usw.

Daher könne man als Lösung darüber nachdenken, ob wir einen 8-12 Stunden Arbeitstag für unser Glück brauchen, Geräte regelmäßig abschaltet werden dürfen und Menschen trifft, die uns gut tun.

Jetzt dürfte ich eigentlich die Zukunft der Erwerbsarbeit in Deutschland aufarbeiten, mich über die Digitalisierung und ständige Erreichbarkeit auslassen und die These "Wir sind ein Durchschnitt der fünf Menschen, mit denen wir am meisten zusammen sind" besprechen - und das darf ich ein anderes Mal tun... :-)

 

Lassen Sie es sich gut gehen.

 

P.S. Ein relativ langer Artikel zu dem Thema erschien im Guardian. Dort wird aus der Ich-Perspektive des Autors beschrieben, wie der innere Kampf zu einem Ja oder Nein aussehen kann. Und - wie schön - an einem positiven Beispiel: Gehe ich auf die Party (DIE Party!) oder nehme ich mir am Wochenende Zeit, um an meiner Aufgabe weiter zu arbeiten.

Daran ließe sich auch trefflich ein Teil der Wertehierarchie des Autors heraus arbeiten.

Ein bisschen schade, wie er endet. Typisch menschlich, würde ich es lapidar beschreiben. Also ein emotionales Nein: "Sorry Mike, i can't."

 

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